Kleine Geschichte des RV ARGO

Nun rudert mal schön!“, soll Kaiser Wilhelm bei der Übergabe eines Ruderbootes an sein altes Gymnasium in Kassel zu Beginn des letzten Jahrhunderts gesagt haben. Zwar war der Kaiser nicht selbst in Aurich, aber geschenkt hat der dem ARGO doch auch das erste Boot. Das war 1905. Da bekanntlich „die Zukunft damals auf dem Wasser (und nicht im, wie manche sagten) lag, brauchte der Kaiser zur Verwirklichung seiner militärischen Pläne Kadetten für die Marine; und so kam es im damaligen preußischen Herrschaftsbereich zu unzähligen Gründungen von gymnasialen Schülerrudervereinen. Jedenfalls schenkte der Kaiser dem ARGO das erste Boot und ein zweites konnte durch Spenden der Auricher Kaufmannschaft erworben werden.

 

Damals im Jahre 1905 gründete sich der Schülerruderverein ARGO. Da der altsprachliche Bereich in den Höheren Schulen noch den größten Raum einnahm, kannte jeder Schüler die Sage von den Irrfahrten des Odysseus und seiner Männer mit ihrem Schiff Argo. Danach benannte sich der Verein. Und auch der lateinische Wahlspruch des Vereins „Vivat, crescat, floreat Argo!“ erklärt sich aus diesen Umständen. Ein weiteres Relikt der damaligen Zeit zeigt sich in dem Argo-Zirkel, beinhaltet er doch die verschlungenen Buchstaben S, R, V und A in Verbindung mit V, C und F (für „vivat, crescat, floreat“), der ohne Absetzen des Stiftes gezeichnet werden musste. Dieser Zirkel befand sich bis in die 80ger Jahre auch auf dem Abzeichen der Vereins-Trikots.

Mit der "Argo" und der “Nixe", den ersten beiden Booten, wurde lange Jahre gerudert; sogar im Ersten Weltkrieg wurden Wanderfahrten durchgeführt – wie auch heute noch vorwiegend zum Großen Meer und nach Emden. Erst 1925 kam ein neues Boot hinzu, die "Störtebeker". Damals mussten die Schüler bei einem alljährlichen Schaurudern vor dem Schuldirektor ihre Ruderleistungen unter Beweis stellen. Über die Zeit bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges ist kaum etwas bekannt. Nur in einem erhaltenen Fahrtenbuch lassen Bemerkungen wie „27.5.44 – Während der Fahrt von Flakfeuer überrascht. Frage: Fliegeralarm?“ oder „ 18.4.45 – Vorsicht, Tiefflieger“ darauf schließen, dass trotz einiger Gefahren noch gerudert wurde.
Nach dem Krieg konnte erst 1948 wieder ein regelmäßiges Rudern aufgenommen werden, war doch das alte Bootshaus aufgebrochen und die Boote und das Zubehör weitgehend zerstört worden. Dieses erste Holz-Bootshaus musste dann noch obendrein im Zuge von Kanalerweiterungsbauten abgerissen werden. Einige Jahre lang lagerten die Boote im Winter in Beenens Holzschuppen und im Sommer auf dem Gelände des Wasserwirtschaftsamtes.
 
(ARGO Bootshaus von 1955)
Am 29.12.1955 konnte dann ein neues Bootshaus eingeweiht werden. Es stand dort, wo sich jetzt der Argo-Hafen befindet. Viele Boote gab es nicht. Ich erinnere mich an die 60ger Jahre mit 3 Vierern und 2, später 3 Zweiern; alles Gig-Wanderboote. Sogar den "Störtebecker" gab es noch in Teilen auf dem Boden! Gerudert wurden damals große Touren: Weser, Donau, Mosel, vom Bodensee über den Rhein nach Aurich, über holländische Kanäle und Flüsse nach Rotterdam und zurück etc. Und natürlich waren alle Gewässer zwischen Greetsiel, Emden und Aurich das bevorzugte Revier.
Damals fuhren Jugendliche nicht mit ihren Eltern in den Urlaub, man machte eine Wanderfahrt!
In den 80er Jahren steckte der Verein dann in einer existenziellen Krise, die sich nicht nur auf die finanzielle Seite beschränkte. Es konnten an der Schule kaum noch Mitglieder geworben werden, so dass sich der S.R.V. Argo 1993 endgültig auflöste. Auch die zuvor versuchte Einbindung des ARGO in den Yachtclub Aurich als dessen Rudersparte konnte den Schülerruderverein nicht mehr zum Leben erwecken! Der S.R.V. ARGO war tot!
Der R.V. ARGO e.V. entstand!
Im selben Jahr 1993 wurde der jetzige Ruderverein ARGO als eingetragener öffentlicher Verein mit dem alten Bootsbestand und engen Beziehungen zum Gymnasium und der IGS Aurich gegründet. Seit damals ergibt sich ein anhaltend reger Zulauf von Mitgliedern, ist die Mitgliedschaft doch heute nicht mehr nur auf Schüler und obendrein auch noch auf die ausschließlich nur einer Schule beschränkt.
Der Bootsbestand wuchs enorm, eine Rennruderabteilung bildete sich, das alte Bootshaus wurde zu klein! Zunächst wurde der Rennruderbereich ausgegliedert in ein Gebäude der Vetra am Auricher Hafen.
 
 
ARGO Bootshaus im VETRA Gebaeude von 2000-2008(ARGO Bootshaus im VETRA Gebäude)
Das führte jedoch dazu, dass unmerklich zwei eigenständige Gruppierungen entstanden. Ein neues, gemeinsames Bootshaus mit Vereinsheim musste her! Die Gelegenheit bot sich, als der Landkreis Aurich Bodensanierungen durchführte. Im Bereich des alten Bootshauses, etwa dort, wo heute das neue Bootshaus steht, befanden sich vor dem Ersten Weltkrieg einst zwei Badeanstalten, eine militärische und eine zivile. Diese wurden mit Hausmüll und anderem Unrat verfüllt. Und dieser Unrat früherer Jahre musste entfernt werden. Er wurde ausgebaggert, entsorgt und die Kuhlen mit gelbem Sand wieder aufgefüllt. Da auch das alte Bootshaus auf diesem konterminierten Grund stand, der Schuppen darüber hinaus auch ziemlich marode war, wurde der gleich mit entsorgt. Lediglich die alten Massivtüren konnten noch verwendet werden. Ein Abriss des Schuppens wäre schon lange nötig gewesen, aber aus Mangel an alternativen Bootslagerplätzen immer wieder verworfen worden.
Und ein weiterer Glücksfall half: Im Vetra-Gebäude wurde der Platz knapp und andere Vereine lechzten nach dem von uns benutzen Bootslagerraum. Mit viel Geschick, Zähigkeit und Ausharrvermögen gelang es dem damaligen Vorstand, Pläne für ein neues Bootshaus plus Vereinsheim zu entwickeln, die Gelder zu besorgen und dieses Vorhaben bei den politischen Gremien durchzusetzen und es schließlich zu verwirklichen.
In großer Eigenleistung wurde dann ab 2007 „mit alle Mann“ vereint unser jetziges Bootshaus erstellt. Ganz fertig ist es noch nicht – wird es wahrscheinlich auch nie werden!
 
 
ARGO Bootshaus 2009 2(Neues ARGO Bootshaus auf dem Grossen Sett)
Etwas Wichtiges darf nicht vergessen werden: Seit der Vereinsneugründung setzte neben dem Wanderrudern und dem Breitensportrudern verstärkt ein konsequentes Renntraining ein. So gelang es uns in den letzten Jahren, außerordentliche Rennerfolge einzufahren.
Erwähnt seien an dieser Stelle nur die internationalen Erfolge der Argonauten Jann-Edzard Junkmann im Deutschlandachter bei den Juniorenweltmeisterschaften 2007 im Achter in Peking (GOLD), Dirk Fleßner im Deutschlandachter bei den Juniorenweltmeisterschaften 2011 in London  (BRONZE), Jann-Edzard Junkmann im Vierer bei den U23 Weltmeisterschaften 2011 in Amsterdam (GOLD), 2010 in Brest/Weissrußland (SILBER), den Studentenweltmeisterschaften in Kazan 2012 (GOLD) und der Universiade 2013 in Kazan (GOLD).
Hinzu kommen über 25 Gold- Silber- und Bronzemedaillen bei der Deutschen Großboot-, Sprint- und den U17, U19 und U23 Meisterschaften in verschiedenen Bootsgattungen durch Jann-Edzard Junkmann, Maiko-Benedikt Remmers, Jann Schürmann, Dirk Fleßner, Immo Ihnen, Chiara Röttinger und Judith Engelbart in den Jahren 2005 bis heute.
 
 
von Gerd Peter Gerdes und Detlev Thomas
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